Einige Unterschiede zwischen wissenschaftlichen Schreibstilen im Deutschen und Englischen

Wenn Sie eine englische Übersetzung Ihres deutschen Manuskripts erhalten, dann kann diese im Ton und Stil leicht von Ihrem ursprünglichen Text abweichen. In diesem Blogbeitrag erklären wir, wie und weshalb.

„Hedging“ – Sich nach allen Seiten absichern

Wissenschaftliches Schreiben bedient sich in jeder Sprache des „Hedging“ (sich nach allen Seiten absichern), d.h. Behauptungen werden in der Argumentationsweise vorsichtig formuliert, um die Aussagen abzuschwächen, oder anders gesagt, um diese mit weniger Nachdruck vorzubringen. Im Deutschen wird häufiger eine direkte und explizite Sprache für Behauptungen verwendet (z.B. „Das vorliegende Forschungsprojekt zeigt, dass …“), wodurch dem Verfasser mehr Autorität verliehen wird. Im Englischen gibt es hingegen die Tendenz, Behauptungen abzuschwächen oder zu mildern, damit Kritik entschärft wird, oder um einen bescheidenen Ton anzuschlagen (Writing Development Centre). Hier sind einige Beispiele:

  • „In this article we hope to show that …“
  • „Smith (2008) appears to marginalize this issue“
  • „These results may have been misinterpreted“
  • „This would indicate that …“

Die Personalpronomen

Herkömmlicherweise haben Wissenschaftler, die auf Englisch schreiben, die Verwendung von Personalpronomen vermieden, um einen förmlichen und objektiven Ton zu wahren. Die Verwendung von Personalpronomen nimmt jedoch zu – vor allem in den Sozial- und Geisteswissenschaften (Bryson). Im Deutschen ist die Verwendung von Personalpronomen nicht so verbreitet. In der Tat sind Englischübersetzer immer erstaunt über die Bandbreite und den Einfallsreichtum der im Deutschen darauf verwendet wird, das menschliche Handeln auszuklammern. Hier sollen ein paar Beispiele für die deutschen Variationen genügen:

  • „In einem ersten Schritt wird aufgezeigt …“ („Firstly, I will demonstrate …“)
  • „Es lässt sich voraussetzen, dass …“ („We can assume that …“)
  • „In dem Vergleich dieser Gesellschaftsschichten fällt auf …“ (hier entscheidet sich der Englischübersetzer vielleicht dafür, den unpersönlichen Stil beizubehalten: „The comparison of these social classes shows that …“. Es wäre aber auch durchaus möglich, hier im Englischen ein Personalpronomen einzuführen: „If we compare these social classes, we see that …“).

Außerdem wird im Deutschen häufig das unpersönliche Pronomen „man“ verwendet, während „one“ im britischen Englisch fast immer vermieden wird (außer von der Queen!): „Man soll die verschiedenen Möglichkeiten in Betracht ziehen“ („We should consider the possibilities“).

Das Aktiv/Passiv

Die Verwendung des Passivs trägt auch zu diesem unpersönlicheren, neutraleren Ton in deutschen, wissenschaftlichen Texten bei, z.B.:

  1. „In dieser Arbeit werden die Vorteile und Nachteile von X diskutiert“
  2. „Es muss angenommen werden, dass…“
  3. „Es sei noch zu erwägen, ob …“

Hier sind für jedes Beispiel verschiedene Übersetzungen ins Englische im Passiv möglich. Es wäre im Englischen aber auch ganz natürlich, das Aktiv zu verwenden (mit oder ohne einem Personalpronomen), etwa:

  1. „In this article, I will discuss the advantages and disadvantages of X“
  2. „We must assume here that …“
  3. „We still need to consider whether …“

Der Nominalstil

Im Deutschen werden oft Substantive (Nomen) verwendet, während im Englischen Verben bevorzugt werden, z.B.:

  • „Die Diskussionen bringen polarisierte Meinungen zum Ausdruck“ („The discussions express polarized views“)
  • „Die Kurse bieten Flexibilität bei der Steuerung und Optimierung von Lernprozessen an“ („The courses offer flexibility in managing and optimizing learning processes“)
  • „Das Unterdrücken negativer Gefühle führt zu weiteren Problemen“ („Suppressing negative feelings leads to further problems“).

Obwohl es sich bei der Vorstellung, die Briten seien stets höflich und zurückhaltend, sicher um ein Klischee handelt, trifft diese Beschreibung auf die englische Wissenschaftssprache durchaus zu und die englische Übersetzung, die Sie erhalten, kann vorsichtiger und zaghafter formuliert sein als Ihr deutscher Ausgangstext. – Die Engländer gehen gerne „auf Nummer sicher“.  Zudem, wenn Ihr Originaltext durchwegs einen unpersönlichen Ton hat, kann es gut sein, dass der Englischübersetzer das abgewandelt hat, indem er einige Personalpronomen eingefügt und eine aktive Sprache eingeführt hat, weil diese Mischung im Englischen vertrauter ist. Das ist insbesondere der Fall, wenn Ihr Text als Beitrag auf einer Tagung vorgesehen ist. Und guter Letzt: Seien Sie nicht überrascht, wenn Ihre Substantive in der englischen Version nicht wiederfinden!

Zitierte Werke

Bryson, Shane (2015), „Quick guide to the use of personal pronouns in academic work“, https://www.scribbr.com/academic-writing/quick-guide-use-personal-pronouns-academic-work/ (abgerufen am 24.3.16)

Writing Development Centre, Newcastle University, ‚Hedging‘, http://www.ncl.ac.uk/students/wdc/learning/language/hedging.htm (abgerufen am 24.3.16)

Konsultierte Werke

Clyne, Michael (1991), „The sociocultural dimension: The dilemma of the German speaking scholar“, in: Hartmut Schröder (Hg.), Subject oriented texts (Berlin: Walter de Gruyter), S. 49-67

Kreutz, Heinz und Harres, Annette (1997), „Some observations on the distribution and function of hedging in German and English academic writing“, in: Anna Duszak (Hg.), Culture and Styles of Academic Discourse (Berlin: Mouton de Gruyter), S. 181-201

Skrandies, Peter (2011), „Everyday Academic Language in German Historiography“, in: German as a Foreign Language, Bd. 1: 99-123

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